Im Gespräch

Marianne Börner im Gespräch

Marianne Börner ist 1943 geboren, als Kind aufgewachsen, das weitergegeben wurde, Vertriebene, gelernte Schneiderin, Weinhandelsvertreterin, Weinseminarleiterin und Gründerin der Marianne Börner Stiftung. Im folgenden Gespräch erzählt sie, woher ihr Antrieb kommt und warum ihr Kinder und Chancengerechtigkeit so am Herzen liegen.

Das Interview

Marianne, du hast ein Leben hinter dir, das sich wie mehrere Biografien anfühlt. Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Ich habe mich immer durchgewuselt. Ich hatte keinen Vater, keine richtige Mutter, keine Tanten oder Onkels, die mir etwas mitgegeben haben. Das war das Besondere: Ich musste alle Entscheidungen selbst treffen. Und ich wollte vorwärts kommen — das hat mich angetrieben, jeden Tag. Manchmal bin ich auch ordentlich auf die Nase gefallen, aber aufgeben kam für mich nie infrage.

Du bist 1943 geboren, als Kind der Nachkriegswirren aufgewachsen. Was hat dich geprägt?

Meine Kindheit war alles andere als einfach. Ich bin als Kleinkind von einer jungen ukrainischen Frau weggegeben worden — sie war erst 17 und sah keine andere Möglichkeit. Eine Frau aus Schlesien hat mich aufgenommen, und mit ihr bin ich 1945 auf einem Leiterwagen im Winterchaos nach Berlin geflohen. Lager, Fabrikhallen, Souterrain, Klo auf dem Gang — so haben wir angefangen. Meine Adoptivmutter hat sich in ihr Schicksal ergeben und sich eingegrumt. Das war für mich das Abschreckende. Ich habe mir geschworen: So will ich nicht werden.

„Jean und Jeanette haben mich wirklich zum Menschen gemacht. Die haben mir den Rücken gestärkt und mir gezeigt, dass die Welt größer ist. Da bin ich wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen.“

Marianne Börner

Gab es einen Moment, wo sich etwas gewendet hat?

Ja, das war das Jahr in Belgien — ich war vielleicht elf oder zwölf. Die Caritas hatte mich zu einer Familie in der Nähe von Brüssel geschickt. Jean und Jeanette. Die haben mich wirklich zum Menschen gemacht. Die haben mir den Rücken gestärkt, mich mitgenommen, mir gezeigt, dass die Welt größer ist. Nach der Unterdrückung in der DDR, dem Lagerleben, der Schule, wo man uns Flüchtlingskinder als Schuldige hingestellt hat — das war wie Aufatmen. Da bin ich wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen.

Du hast viele Berufe gehabt. Was verbindet das alles?

Ich habe immer zuerst gelernt, bevor ich etwas gemacht habe. Als ich in den Wein reingerutscht bin — durch eine Wette auf einer Messe — habe ich mich sofort beim Deutschen Weininstitut eingeschrieben. Anfahrt, Unterkunft, alles selbst bezahlt, obwohl ich nicht viel Geld hatte. Aber ich kann nichts machen, was ich nicht kenne. Ich habe mir dann 348 Firmen erarbeitet, mit handgeschriebenen Kuverts, damit die Leute sie auch öffnen. Man muss anpacken und immer dazulernen. Ich war Stehauffrau und bin es noch heute.

„Das, was übrig bleibt, soll in gute Hände geraten und nicht einfach verbuttert werden. Die Stiftung ist mein Weg, daraus etwas Bleibendes zu machen.“

Marianne Börner

Und jetzt die Stiftung — wie ist dieser Gedanke entstanden?

Das war immer ein Thema: Dass das, was übrig bleibt, in gute Hände geraten soll und nicht einfach verbuttert wird. Ich habe keine eigenen Kinder. Aber ich habe seit über 40 Jahren Patenkinder über Plan International unterstützt, in Indien, Afrika, Südamerika. Mir liegt es am Herzen, dass Kinder überhaupt eine Chance bekommen. Wenn jemand Analphabet bleibt — was hat er dann für eine Chance im Leben? Die Stiftung ist mein Weg, das in etwas Bleibendes zu verwandeln.

Was soll die Stiftung konkret tun?

Jungen Menschen Chancen geben — dort, wo es nicht einfach ist. Ganz konkrete Dinge: Miete, Lernmaterialien, ein Laptop. Und Orientierung, Mut, Selbstvertrauen. Ich habe als Kind nie jemanden gehabt, den ich etwas fragen konnte. Das Abitur habe ich nicht gemacht, weil meine Mutter es nicht erlaubt hat und kein Mensch da war, der mich bestärkt hätte. Das soll für andere anders werden.